Wie eine berufliche Neuorientierung gelingen kann

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Wie eine berufliche Neuorientierung gelingen kann

Arbeit kann so viel mehr sein als ein Job. Dafür muss er jedoch zu meinen Werten, meinen Eigenschaften, Vorlieben und Qualitäten passen. Aber wie finde ich heraus, was mir wirklich taugt und woher nehme ich den Mut, meinen ganz eigenen Weg zu gehen?

Schauen wir uns doch erst einmal an, woran viele Neuorientierungen scheitern: Verantwortlich dafür ist oft ein Missverständnis. Eine Neuorientierung geschieht nicht von einem Tag auf den anderen, sie lässt sich eher als eine Reise ins Ungewisse beschreiben. Die Vorstellung der sofortigen Veränderung ist auch dafür verantwortlich, dass viel zu viele Berufsberatungen ergebnislos enden. Wir investieren eine Stunde und erwarten, dass uns eine Fachperson danach sagt, wo unsere berufliche Zukunft liegt. Mit dieser Haltung warten wir darauf, dass die Veränderung von außen bewerkstelligt werden kann oder uns irgendwie passiert. Unter Umständen warten wir dann ein Leben lang.

Veränderung geschieht in Phasen

Viel sinnvoller ist es, eine Neuorientierung als einen Veränderungsprozess zu sehen, auf den wir uns einlassen müssen. Diese Vorstellung gibt uns den notwendigen Raum, um in konkreten kleinen Schritten durch die verschiedenen Phasen zu gehen. Am Beginn müssen nicht einmal wissen, wo die Reise endet. Neugierde, Zuversicht und Mut entstehen auf dem Weg, so wie der Appetit mit dem Essen kommt.

Die erste Phase

Die erste Phase startet mit der Frage, wie wir die Arbeitswelt eigentlich sehen und ob diese Sichtweise für unsere aktuelle Situation hilfreich ist. Wir alle tragen Bilder der Arbeitswelt in uns, die wir – solange wir sie nicht hinterfragen – für real halten. Versuchen Sie einmal die folgenden vier angefangenen Sätze so spontan wie möglich zu ergänzen:

  •        Arbeit ist …
  •        Arbeiten bedeutet …
  •        Guten Arbeit ist …
  •        Arbeit darf auf keinen Fall …

Oft wird dabei Arbeit als „Mühe“, als „leisten müssen“, beziehungsweise als „anstrengend“ beschrieben. Dabei geht es nicht darum, ob unsere Bilder richtig oder falsch sind. Die Arbeitswelt ist so vielfältig, dass ganz verschiedene Bilder darin Platz finden. Arbeit kann sich anfühlen wie die Ruderbank einer römischen Galeere, aber auch wie ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene. Die Art und Weise wie wir navigieren, welche Zukunftsentwürfe wir zulassen und welche Entscheidungen wir treffen, wird jedoch stark über unsere inneren Bilder gesteuert. Wenn das Bild der „anstrengenden Arbeit“ tief in uns drinsteckt, ist es zum Beispiel fast nicht möglich, sich einen Job vorzustellen, in dem man das macht, was einem aus dem eigenen Wesen heraus leichtfällt. Das wäre dann ja keine „Arbeit“.

Die zweite Phase

In einer zweiten Phase geht es darum, uns mit den Dingen zu beschäftigen, die wir wirklich, wirklich gerne machen. Wir sollten dabei noch gar nicht an die Arbeitswelt denken, da – wie in Phase eins beschrieben – uns die Bilder der Arbeitswelt unnötig einschränken können. Lassen Sie einfach einmal Ihr ganzes Leben, angefangen in der Kindheit, an Ihnen vorbeiziehen und konzentrieren Sie sich auf die Aktivitäten, bei denen Sie sich „in Ihrem Element“ gefühlt haben. Momente der Begeisterung geben uns gute Hinweise, wie eine Arbeit beschaffen sein könnte, die uns langfristig befriedigt. Hier kann es auch sinnvoll sein, andere Menschen zu fragen, welche Eigenschaften sie an uns beobachten. Welche Qualitäten uns auszeichnen, wo uns Dinge leichtfallen, die wir vielleicht für selbstverständlich halten, weil wir etwas bewirken, das in unserer Natur liegt.

Dabei kommen wir zu einer Auslegeordnung, die wir folgendermaßen gliedern können:

  •        Welche Tätigkeiten können wir gut und machen wir gerne?
  •        Welche Welten bez. Branchen (z.B. die Bergwelt, Flughäfen, Mode) begeistern uns?
  •        Welche Werte (wie z.B. Unabhängigkeit oder Herausforderung) motivieren uns?
  •        Welche subtilen Qualitäten (wie z.B. Geschwindigkeit oder Präzision) sind Teil unseres Wesens?

Die dritte Phase

Erst jetzt kommen wir in die dritte Phase, in der wir versuchen eine Verbindung zwischen unseren Neigungen, unseren Werten und Qualitäten und der Arbeitswelt herzustellen. Auch hier können uns wieder unsere Bilder der Arbeitswelt in die Quere kommen. Vielleicht geht die Reise in eine Richtung, die den Rollenbildern der Gesellschaft oder meiner Herkunftsfamilie widersprechen. Es stellt sich die Frage, ob ich den Mut habe, meine eigenen Werte und Qualitäten ernst zu nehmen und nicht in gesellschaftlich vorgegebenen Bahnen weiter zu gehen. Die bisher gesammelten Elemente müssen mit der Wirklichkeit der Arbeitswelt und nicht mit unserer Vorstellung der Arbeitswelt abgeglichen werden, um zu einer realistischen Perspektive zu gelangen. Dabei kann uns das folgende Modell (siehe Abbildung) helfen. Ikigai ist ein Begriff aus Japan und kann mit „Sinn des Lebens“ übersetzt werden:

Auch diese Phase kann eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen. Wir erforschen neue Bereiche der Arbeitswelt, lassen uns von interessanten Menschen inspirieren, durchforsten passende Ausbildungsangebote. Am Ende dieser Phase haben Sie ein einigermaßen klares Bild, wohin Sie wollen und den nötigen Tatendrang, diesen Weg auch in Angriff zu nehmen. In gewisser Weise ist das ein kreativer Prozess. Auch hier gilt: Unter Umständen müssen Sie sich dafür Zeit lassen, sich immer wieder damit beschäftigen und darauf vertrauen, dass langsam ein Bild entsteht und eine Entscheidung reift.

Die vierte Phase

In der vierten Phase geht es um die Umsetzung. John Strelecky formuliert die Tücke dieser Phase so:

„Wenn man vor der Entscheidung steht, ein Leben zu führen, das der eigenen Bestimmung entspricht oder so weiter zu leben wie bisher, sollte man eigentlich annehmen, dass einem die Wahl leichtfällt. Aber so ist es nicht. Im Laufe der Zeit habe ich beobachtet, dass die meisten Menschen an diesem Punkt ihre Reise beenden. Sie spähen durch ein Loch im Zaun und können deutlich das Leben erkennen, das sie gerne haben würden. Aber aus allen möglichen Gründen öffnen sie das Tor nicht und gehen nicht auf dieses Leben zu.“

Je größer die Veränderung, desto unmöglicher ist es, dass diese von heute auf morgen geschieht. Es geht in dieser Phase darum, einen realistischen Zeitplan zu entwickeln der es uns erlaubt, in vielen kleinen konkreten Schritten auf unser Ziel zuzugehen. Das Gute daran: Aus meiner Erfahrung ist nicht erst das Ankommen befriedigend, sondern auch schon der Weg auf eine Welt zu, in der wir und die Arbeit, die wir tun, in hohem Masse zusammenpassen.

By | 2019-08-20T13:19:39+01:00 August 20th, 2019|Arbeitswelt, Laufbahnberatung, NEWS, Pressetexte|1 Comment

About the Author:

Thomas Diener ist Coach, Supervisor (ÖVS) und Laufbahnberater in Zürich und Wien mit über 20 Jahren Beratungserfahrung. Sein Kernthema ist die (co-kreative) Gestaltung von Zukunft. Folgerichtig ist er auch als Moderator von Zukunftswerkstätten, Future – Search – Konferenzen, Strategieworkshops in der Schweiz, Deutschland und Österreich sowie als Social Entrepreneur tätig. 1995 gewann er den Förderpreis für innovative Ideen im Sozialbereich der Stadt Zürich und mehrere Preise mit Projekten gegen die Arbeitslosigkeit. Speziell für die individuelle Zielfindung entwickelte er den Methodenmix „Berufs- und Lebensnavigation“ den er seit über acht Jahren in verschiedenen Ländern und Hochschulen unterrichtet. Publikationen: * 2010 “Berufs- und Lebensnavigation – Individuelle Zugänge zur Arbeitswelt” Im Sammelband „Zukunftsfeld Bildungs- und Berufsberatung: Neue Entwicklungen aus Wissenschaft und Praxis“, Verlag Bertelsmann * 2016 Thomas Diener: Tu, was du wirklich, wirklich willst – Die Alchemie der Berufsnavigation. Verlag tredition * 2016 Thomas Diener: Tu, was du wirklich, wirklich willst – Der Lifedesign – Workshop zur Berufsnavigation. Verlag tredition

One Comment

  1. Thomas Diener 9. September 2019 at 15:37 - Reply

    Dieser Text ist für einen Rundbrief von „CONNECT der Karrieremesse Sozialwirtschaft“​ entstanden. Ich halte dort am 19.11. einen Vortrag. https://www.connect-sozialwirtschaft.at/

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